„Viele Frauen machen sich nicht die richtigen Gedanken über Mode“

Der Schrank quillt über – und anzuziehen hat man trotzdem nichts. Mit ihrem Buch „Das Kleiderschrank-Projekt“ will Autorin Anuschka Rees Abhilfe schaffen.

Noch vor einigen Jahren kaufte Anuschka Rees Kleidung ohne System. Das Ergebnis: viele Fehlkäufe, Kleidungsstücke, die nicht zueinander passen und Frust. Sie beschloss, das zu ändern. Auf ihrem Blog anuschkarees.com begleitete sie ihren Weg, den eigenen perfekten Kleiderschrank zu planen und zu gestalten. Daraus wurde das Buch „The Curated Closet“, eine Anleitung, wie jede*r systematisch den perfekten Kleiderschrank und den passenden Stil finden kann. Am 20. Februar erscheint dies im DuMont-Buchverlag auch in deutscher Sprache: „Das Kleiderschrank-Projekt“. Wir haben mit Anuschka gesprochen.

Einen ganzen Schrank voll Kleidung und trotzdem nichts anzuziehen haben – das Problem kennen viele. Wie kommt es dazu?
Das Phänomen kommt daher, dass viele Frauen sich zwar Gedanken über Mode machen, aber nicht die richtigen. Dass sie viel kaufen, aber nicht das Richtige kaufen. Weil sie zum Beispiel zu viel über Trends nachdenken, anstatt sich zu überlegen: „Was gefällt mir am besten und was passt zu meinem Leben?“ Sie gehen also nicht strategisch an das Thema Kleiderschrank, sondern kaufen nur Teil für Teil neu, ohne das große Ganze im Blick zu haben.

Was bedeutet es für dich, einen guten Stil zu haben?

Den einen guten Stil gibt es nicht. Einen guten Stil zu haben wird oft mit trendy oder modisch gleichgesetzt. Daran glaube ich nicht. Frauen, über die gesagt wird, dass sie einen guten Stil haben, wissen, welche Farben, welche Schnitte und welche Materialien ihnen gefallen. Alles andere lassen sie einfach konsequent links liegen. Diese Konsequenz selbstbewusst umzusetzen ist es, was guten Stil ausmacht.

9926_Kleiderschrank-Projekt_CMYK-300Wie kann man durch dein Buch „Das Kleiderschrank-Projekt“ lernen, seinen eigenen Stil zu finden und den Kleiderschrank zu optimieren?

Das Besondere ist vor allem, dass es den Lesern nicht sagt, was guter Stil bedeutet und was sie anziehen müssen. Sondern es vermittelt Techniken,mit denen jeder selbst herausfinden kann, in welchem Stil man sich am wohlsten fühlt, also was für einen selbst der ‚perfekte‘ Stil ist. Andere Ratgeber sind meistens sehr deskriptiv, geben ein Schnellrezept, so wie „Diese zehn Teile sollte jede Frau im Kleiderschrank haben“. Das kann aber nicht funktionieren. Denn wir alle haben einen unterschiedlichen Stil, wir alle haben unterschiedliche Vorlieben und unterschiedliche Körperformen. Und das wichtigste ist, dass Kleidung immer zum Lebensstil passen muss. Es gibt da so viele unterschiedliche Faktoren, die man beim Shoppen bedenken muss. Deswegen denke ich, dass nur die individuelle Herangehensweise funktioniert – und keine Listen.

Wie erstellt man denn einen perfekten Kleiderschrank?
Das Buch führt einen Schritt für Schritt durch den ganzen Prozess. Zum einen geht es darum, zu erkennen, was man selbst gern trägt und warum. Vielleicht sind es bestimmte Schnitte oder Stoffe, die man gerne mag. Entscheidend ist, keine anderen Frauen in ihrem Stil zu kopieren – sondern den eigenen Geschmack herauszufinden. Dazu ist der zweite Schritt, dass man sich ganz viel Inspiration sucht und sich überlegt, wie man sich idealerweise gerne anziehen würde und wie man das umsetzen kann. Und im dritten Teil geht es dann um das bewusste Shoppen.

Das klingt nach ganz schön viel Planung. Wie viel Zeit nimmt es denn in Anspruch, bis man seinen guten Stil gefunden hat?
Wenn man alles, was im Buch steht, machen muss, dauert es lange, klar. Aber man muss das nicht von vorne bis hinten durcharbeiten, um etwas über sich und seinen Kleidungsstil zu lernen. Man kann sich einfach aussuchen, was man machen will. Man investiert am Anfang Zeit hinein, damit man später nicht mehr so viel Stress hat. Zum Beispiel, indem man Fehlkäufe vermeidet. Die Idee ist, vorzuarbeiten, damit man am Ende mehr Zeit hat.

Macht Mode denn auch noch Spaß, wenn so viel Planung dahinter steht?
Leute, die sich viel mit Mode beschäftigen, denken eh viel über Kleidung nach. Mode bedeutet ja nicht nur Spontan-Käufe. Mit dem Buch denkt man eben anders über Mode nach – ganzheitlich. Das hilft dann schlussendlich dabei, wieder mehr Spaß am eigenen Kleiderschrank zu haben. Weil alles, was darin hängt, wirklich den eigenen Stil ausdrückt.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit dabei?
Über das Thema nachhaltige und faire Mode habe ich auf meinem Blog schon viel geschrieben. In meinem Buch gibt es keine spezielle Passage dazu. Dennoch ist die Grundidee eine nachhaltige: Nämlich dass weniger Teile kaufen, die gleichzeitig besser aussehen und eine gute Qualität haben, eine gute Alternative ist, um den Kleiderschrank umweltfreundlicher zu gestalten.

Wie stehst du denn zu Trends?
Ich habe nichts gegen Trends. Man kann sich aussuchen, was man mitmacht. Problematisch ist, wenn man Trends als Muss oder als Anleitung versteht. Das geht ja auch rückwärts, dass eben Leute speziell Trends nicht tragen, weil sie sich eben nicht trendig anziehen wollen. Ich denke, man sollte Trends als Buffet sehen: Man kann sich aussuchen, was man mitmachen will und was nicht. Aber man sollte sie nicht als Anleitung zu einem guten Stil verstehen.

Wie viele Trends machst du selbst mit?
Nicht so viele, weil ich nicht mehr so viel Neues kaufe. Aber wenn, dann kaufe ich etwas, weil es mit gefällt. Ob es Trend ist oder nicht ist mir dann egal.

Wie entscheidest du, welches Kleidungsstück in deinen Schrank wandert?

Als erstes muss mich die Optik überzeugen. Wenn es mir gefällt, überlege ich, mit welchen Kleidungsstücken ich es kombinieren kann. Dann sind mir Passform und Qualität sehr wichtig. Dafür gibt es im Buch auch jeweils ein eigenes Kapitel, weil es viele Dinge gibt, die man dazu einfach wissen muss – zum Beispiel, um einzelne Kleidungsstücke ändern zu lassen, damit sie perfekt passen. Viele wissen gar nicht, dass das auch für wenig Geld geht und machen das dementsprechend nicht. Deswegen gibt es im Buch ein extra Kapitel, welche Teile eines Kleidungsstücks man einfach ändern lassen kann – wie zum Beispiel den Bund einer Jeans – oder eben nicht – wie zum Beispiel Schultern.

Kaufst du denn manchmal auch noch etwas spontan?
Ich kaufe schon noch spontan. Das sind dann aber weniger Fehlkäufe als früher, weil ich mittlerweile gut einschätzen kann, was gut aussieht und zu mir passt und was nicht. Da zahlt sich die Vorarbeit, die ich geleistet habe, aus.

Wie lange brauchst du morgens, um dein Outfit zu finden?
Das geht ganz schnell. Ich brauche circa 30 Sekunden.

Interview Maike Brülls

Übrigens: Mehr über Anuschka Rees und über Minimalismus gibt’s im aktuellen Heft zu lesen.

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