Unter uns: Vegan wohnen, leben, lieben, arbeiten. Oder lieber nicht?

Rund 1 Prozent der Deutschen lebt vegan. Das ist, gelinde ausgedrückt, eine Minderheit. Trotzdem gibt es immer mehr Angebote für Veganer, ihr ganzes Leben im Einklang mit ihren Idealen zu verbringen – ob im Urlaub, in der Partnerschaft oder auf der Arbeit. Super, oder? Kommt drauf an, meint unser Experte.

Wohnen

In einer WG leben ist cool! Man hat immer jemanden zum Quatschen da und man muss nur halb so oft das Klo putzen. Die Grenze des fröhlichen Beisammenseins ist allerdings erreicht, wenn der Mitbewohner einen Karton Milch im Kühlschrank deponiert. Der erste Impuls, ihn mit dem weißen Teufelszeug zu waterboarden, sollte unterdrückt werden, denn auch das wäre irgendwie Gewalt gegen ein Tier. Besser man beschließt, sich von vornherein Mitbewohner zu suchen, die die eigene Ideologie teilen – auf WG-gesucht.de wurde bereits ein eigenes „Vegetarisch/vegan“-Kästchen zum Filtern integriert! Berlin-vegan.de bietet eine eigene Zimmervermittlung, auf Facebook gibt es vegane WG-Gruppen und in den Foren von vegan.de oder vegan-forum.de kann man auch mal nachfragen, ob jemand ein Zimmer frei hat. Nächster Schritt: Eine WG-Vermittlung für Leute, die Rosenkohl eklig finden? Es wäre begrüßenswert.

Lieben

Jemanden küssen, der kurz zuvor auf Königsberger Klopsen herumgekaut hat? Yuck! Steaks im gemeinsamen Kühlschrank vorfinden? Bäh. Nicht jeder hat Lust veganes_tinderauf ein Leben an der Seite eines Omnivoren. (Und nicht jeder Onmivore hat Lust auf ein Leben an der Seite eines Veganers.) Damit Vegetarier und Veganer sich untereinander paaren können, veranstalten vegane Lokalitäten immer häufiger Veggie (Speed) Datings. Und auf Online-Partnerbörsen wie gleichklang.de oder veggiecommunity.org kann man nach nichtrauchenden Veganern mit blauen Augen und 190 cm Körpergröße im Umkreis von 75 Kilometern suchen. Ob man sie findet – andere Frage! Doch wenn, könnte es der Anfang einer wundervollen, Gewalt gegen Tiere ablehnenden, Liebe sein. Aber Obacht! Die Erfahrung zeigt: Es gibt noch mehr Themen, über die man sich uneinig sein kann (Pünktlichkeit, Autofahrstil, der bekloppte Pulli mit der Aufschrift „Swag“).

Urlaub machen

Veganer, die wegfahren, haben ein Problem. Denn der Küchenschrank mit der Großpackung Linsen, den sechs Dosen Kokosmilch und der Hanfburger-Fertigmischung ist noch zu Hause. Natürlich kann man sich den „Vegan Passport“ von der Veganen Gesellschaft besorgen, der den Barbaren am Urlaubsort in Landessprache erklärt, dass man nichts vom Vieh isst. Man kann aber auch gleich eine vegan-freundliche Unterkunft buchen. Auf veggiehotels.de sind zum Beispiel nur Hotels gelistet, die einen fleischfreien Urlaub ermöglichen. Günstiger übernachten geht über Couchsurfing – auf Facebook hat sich bereits die Gruppe „Vegan Couchsurfing“ gegründet und auch auf couchsurfing.com sind immerhin fast 2000 Mitglieder der Gruppe „Vegans“ beigetreten. Übrigens: Restaurants auf der ganzen Welt lassen sich auf happycow.com oder vanilla-bean.com recherchieren.

Arbeiten

Man muss nicht in einer Metzgerei arbeiten, um als Veganer das Gefühl zu haben: Ich glaub, ich bin hier fehl am Platz. Vielleicht nerven auch die ständigen Kommentare der Kollegen, vielleicht weigert sich die Kantine, Sahne durch Sojasahne zu ersetzen, vielleicht müsst ihr ein Unternehmen vertreten, das in irgendeiner Form Produkte tierischen Ursprungs verarbeitet. Vielleicht seid ihr aber auch so dermaßen begeistert von eurer veganen Lebenseinstellung, dass ihr euch dem Ganzen 24/7 widmen möchtet. Dann tut’s halt: Unter veganer_Urlaubveggie-jobs.de oder vegane-jobs.de findet ihr Arbeit, die ihr moralisch vertreten könnt – ob beim veganen Supermarkt, im Yoga-Verein, bei Tierrechtsorganisationen oder im Veggie-Hotel. Anmerkung der Redaktion: Die Auswahl ist noch begrenzt. Ihr solltet bereit sein umzuziehen.

Feiern

WOOHOO! Das ist eine Durchsage an alle, die behaupten, Veganer seien spaßbefreit: Leute, ihr liegt so was von falsch. „Moby“ hören, den eigenen Namen tanzen, hier und da eine Möhre knabbern – mehr Fun geht nicht! Haha, Gott bewahre! Auf der ganzen Welt werden mittlerweile vegane Festivals veranstaltet, auf denen nach allen Regeln der Kunst abgeraved werden darf! Ob in Israel (vegan-fest.com), Belgien (ieperfest.com), Australien (wvd.org.au) oder England (vegfest.co.uk) – sogar inklusive veganem Comedy-Festival! Und auch in Deutschland findet natürlich die ein oder andere Party statt, zum Beispiel in Hamburg (veganes-strassenfest.de) oder Berlin (vegan-vegetarisches-sommerfest.de). In Berlin gibt es sogar eine vegane Cocktail-Bar, und was für eine! Eat this, party people!

Und was sagt der Experte?

JonasGraulInterview mit einem, der es wissen muss: Dr. Jonas Grauel, 36, ist Soziologe an der Universität Hamburg und Autor des Buches „Gesundheit, Genuss und gutes Gewissen: Über Lebensmittelkonsum und Alltagsmoral„.

Vegane Partnerbörsen, Jobbörsen, WG-Gesuche. Grenzen sich Veganer vom Rest der Gesellschaft ab?

Man muss unterscheiden: Die einen sehen Veganismus als Lebensstil, die anderen als moralisches Projekt. Der Lebensstil weist eher auf ein Nebeneinander hin; die, die Veganismus als moralisches Projekt betrachten, können andere Lebensweisen schlechter aushalten und verurteilen eher. Veganes Essen stößt gerade immer weiter in den Mainstream vor – bei meinem Bäcker gibt es jetzt auch Brötchen mit veganen Aufstrichen. Bei vielen alternativen Szenen ist zu beobachten, dass ein Teil das Mainstreaming begrüßt, da die eigenen Ideale so Verbreitung finden, ein anderer Teil wittert Verrat an der eigentlichen Idee.

Worin besteht die Gefahr, wenn sich Veganer nur noch mit Veganern umgeben?

Das bedeutet einen Verlust an Öffentlichkeit und an Chancen zu kommunizieren. Sicher, anfangs ergibt das Sinn, neue Praktiken erstmal in dem geschützten Raum einer Subkultur auszuprobieren. Aber wenn man das radikal zu Ende denkt, dann entsteht eine Parallelgesellschaft. Veganer haben ja wichtige Anliegen, die sie in die öffentliche Debatte einbringen sollten.

Also ist ein Austausch mit Fleischessern auch aus veganer Perspektive wünschenswert?

Ja, eine plurale Gesellschaft lebt doch vom Austausch mit Andersdenkenden. Allerdings ist die Interaktion für beide Seiten nicht leicht auszuhalten. Das anthropozentrische Weltbild – also das, das den Menschen ins Zentrum stellt, der sich die Natur und die Tiere Untertan macht – ist so tief in unserer Gesellschaft verankert, dass Veganismus oft als radikale Infragestellung von liebgewonnenen Lebensweisen wahrgenommen wird. Das zeigen die krassen Reaktionen auf den Veggie-Day der Grünen. Gleichzeitig besteht aber durchaus ein Unwohlsein in der breiten Bevölkerung, was unseren Umgang mit Tieren angeht.

Das könnte man für die Überzeugungsarbeit nutzen, oder?

Aber man sollte auf den erhobenen Zeigefinger und den Konsequenzgedanken verzichten. Ich würde für eine pragmatische Einstellung plädieren: Jede Mahlzeit zählt. Man kann auf die Bereicherung aufmerksam machen – es gibt ja sehr viele tolle vegane Gerichte, die es auszuprobieren lohnt.

Wie kann man offen bleiben für andere Lebensweisen, wenn man doch selbst überzeugter Veganer ist?

Man könnte sich vor Augen halten, dass es auch eine sehr positive, friedfertige Eigenschaft ist, Differenzen aushalten zu können. Wenn man sich gar nicht mehr mit Leuten umgeben kann, die ein anderes Weltbild haben als man selbst, zeugt das von einer gewissen Intoleranz. Wer Interesse an einer offenen Gesellschaft hat, darf sich nicht abschotten, er muss in einen Austausch treten. Und der sollte von gegenseitiger Akzeptanz geprägt sein.


Text Birgit Querengässer

Illustrationen Alexandra Klobouk & Eva Goncalves

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