Veganer Gutmensch: die Superlative des Unwortes im Jahre 2016

And the winner is… Nach Stars wie „Lügenpresse“, „Sozialtourismus“ und „Opfer-Abo“ wurde für 2015 „Gutmensch“ zum Unwort des Jahres gekürt. Die Begründung: Hilfsbereitschaft werde damit pauschal als naiv, dumm und weltfremd abgewertet. „Schluss mit dem Gutmenschen-Gegurke“ fordert das Land! Nur – und dann? Eine Verteidigung des (Gut)Menschseins.

Eigentlich lächerlich. Gutmensch als Schimpfwort zu nutzen ist lediglich eine inhaltslose Polemik, die ausschließlich zur Diffamierung von politischen und/oder ethischen Zielen Andersdenkender dient. Manche Menschen fühlen sich eben bedroht, wenn andere Mitgefühl zeigen, wo sie selbst keines aufbringen wollen oder können. Sie bekommen das unbequeme Gefühl nicht „richtig“ oder „gut“ zu sein. Wenn nicht falsch ist was Gutmenschen als richtig einstufen, dann hat der gemeine Bürger ein Problem, ergo muss er dafür sorgen, dass gut=schlecht ist und umgekehrt. Schwupps, der Gutmensch wird zum naiven Vollidiot. Simpel, genau wie Menschen, die Gutmensch als Schimpfwort nutzen.

Gutmenschen

Der Begriff Gutmensch wird vor allem in der politischen Rhetorik Konservativer und Rechter als Kampfbegriff verwendet. Das ist zwar nicht verwunderlich, aber dennoch unfassbar, dass diese so leicht durchschaubare Taktik greift. Der Mob hat sich in Bewegung gesetzt. Das stupide Massenphänomen wirkt. Die Dummheit des Kollektivs degradiert den modernen Menschen in die tiefsten Etagen seiner ursprünglichen Instinkte. Angetrieben von purer Existenzsicherung mutiert der besorgte Bürger zum brüllenden, urtriebgesteuerten Primaten. Jegliche Argumentation des Neandertalertums oder deren selektive Wahrnehmung populisitischer Berichterstattungen dient lediglich der Tarnung  angstgeschwängerter Vorurteile des „besorgten“ Volks. Das ist menschlich, traurig aber natürlich. Nur um Himmelswillen, wie lange braucht die Menschheit denn noch, um zumindest die niedersten Instinkte in den geistigen Griff zu bekommen?

Arschmenschen

Vielleicht sollte ich mir dieses Opfer-Abo besorgen, dann läuft das Verstehen eventuell auch bei mir – dem naiven Gutmenschen, der das Fass zum Überlaufen bringt, weil auch noch vegane Ernährung und Tierschutz auf dem Zettel stehen. Aber was ist denn die Alternative? Im Umkehrschluss würde die Opposition aus.., ja, aus was eigentlich bestehen? Arschmenschen?
Wir werden also alle Arschmenschen. Beschließen Hilfesuchenden die Tür vor der Nase zuzuschlagen, ziehen Grenzen und Mauern und bewaffnen uns in Eigenregie gegen alles Fremde? Ignorieren den Klimawandel und kaufen Billigfleisch in Billig-Supermarktketten? Setzen uns Scheuklappen zum Thema Massentierhaltung, Diskriminierung  und Unterdrückung auf und arbeiten energisch und aktiv am Ende der Menschheit. Denn unseren Planeten interessiert es recht wenig, ob Gut- oder Arschmensch überlebt. Wenn wir uns nicht zu benehmen wissen, dann schüttelt er uns schneller ab, als ein Arschmensch zu einem Gutmenschen „Verpiss dich!“ sagen kann.

Mir-egal-Menschen

Oder wir mutieren zu Mir-egal-Menschen. Einfach zurücktreten, die Zeichen der Zeit ignorieren und stoisch so weiter machen wie bisher. Dann ist man weder Arsch- noch Gutmensch, sondern einfach nur das personifizierte Neutrum mit Schweizer Akzent. Auch nicht schlecht, aber was macht das Neutrum, wenn der Arschmensch das Gutmenschen-Gegurke erfolgreich beendet hat? Ab nach Argentinien, um Reden mit dem Titel „Wir wussten von nichts!“ zu produzieren? Schwierig.

Wir könnten uns aber auch einfach entscheiden Mensch zu sein und beginnen unabhängig jeder Herkunft, Kultur oder Weltanschauung an einem Strang zu ziehen. Denn eins ist klar, wenn wir das nicht schaffen, dann werden alle Gut-, Arsch- oder Mir-egal-Menschen unabhängig jeder Herkunft, Kultur oder Weltanschauung in nicht all zu langer Zeit Geschichte sein. Persönlich komme ich gar nicht in die Zwickmühle, mich entscheiden zu müssen. Kein brauner, roter, schwarzer oder gescheckter Mob wird mich davon abhalten mit aller mir zur Verfügung stehenden Gelassenheit zu rufen: „Ich bin ein Mensch, der lieber Gutes tut!“, und das ist gut so.

Text Funda Agirbas

Illustration ibouit.tumblr.com

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